Kupferdrahtgedanken


Dampfendes Herz 

Sept. 6th at 11AM / 3 Anmerkungen

Es geht um das mechanische Rauschen. Eine Schnittmenge von Interessen an mechanischer Bewegung und der Möglichkeit von menschlicher Interaktion. Natürlich mag es vielleicht ein wenig platt klingen und mancher stellt sich im Nachhinein wahrscheinlich auch die Frage, warum ich mich damit auseinandersetze, aber ich komme nicht drumherum, es immer wieder zu tun. Wir leben nicht mehr in einer Zeit, in der die Abläufe der Technik in unserem Alltag noch leicht nachzuvollziehen sind. Allein vermag man gerade noch so zu verstehen, wie ein Lichtschalter funktioniert, aber auch das kommt vielen schon abhanden. Warum auch hinterfragen? Einschalten bedeutet Lampe glüht und Ausschalten bedeutet Schlafen gehen. Ich ärgere mich jedoch immer wieder, wenn ich vergleichsweise alte Technik betrachte und sie mit der heutigen vergleiche. Keine Frage, Energie-effizient ist etwas anderes, aber sie hat nicht nur einen nostalgischen Charme, sie ist gedanklich rekonstruierbar. Ich kann bei älteren Geräten den Prozess nachvollziehen. Da viel in meinem Leben mit Musik funktioniert bleibe ich beim MP3-Player. Er kann mir auf Befehl jedes Lied immer und immer wieder abspielen, in der gleichen Qualität. Natürlich bin ich dieser Fähigkeit genauso verfallen, wie viele andere. Aber der Elektronik fehlt es gänzlich an Format und Romantik. Wenn ich eine Schallplatte auflege, dann höre ich jeden Kratzer, jedes Rauschen. Die Musik hat viel mehr Körper, mehr Volumen, die Lautstärke variiert innerhalb eines Stückes. Es hört sich irgendwann auch nicht mehr gleich an, wenn ich die selbe Platte strapazierte. Wenn ich die Nadel auf der Scheibe sehe, dann bewegt sich etwas in mir. Dann kann ich verstehen was passiert, wenn es auch nicht ganz so leicht ist. Wenn ich in einem alten Radio, es mag auch ein neues sein, den Regler bewege, dann kratzt da der Sucher, es rauscht und knackt. Ich bewege mein Gehör mit dem Gerät und verstehe, dass ich mich von einem Punkt zum anderen hangele. Das Lied mag undeutlich laufen, aber ich genieße es und der magische Moment, wenn der Empfang besser wird, oder man die richtige Einstellung gefunden hat, ist wie ein aufklarender Himmel in einer wolkigen Vollmondnacht. Ein Internetstream eines Radiosenders kann allenfalls in niedriger Qualität, wie hinter einer Wattewand sein, oder er laggt. Aber einen Datenstau auf dem Kupferdrahthighway kann ich nicht sehen, ich kann mich nicht bewegen. Dies mag auch für Funkwellen gelten, aber es erscheint mir immer noch greifbarer. Ich werde wohl erst glücklich sein, wenn ich eine Dampflok in einem Jugendstilbahnhof mit Glasdach einfahren sehe und meinen Zylinder zurechtrücke, wenn die Damen aus den Wagons den Pagen ihre Koffer reichen. Oder wenn ich auf meiner Veranda meines elisabethanischen Landhauses eine Tasse frischen Kaffees aus selbstgemahlenen Bohnen trinken kann, während ich in der Zeitung über die Entwicklung der East Indian Company lesen kann. Eines Tages, ich sehe es mit einer gewissen Traurigkeit kommen, wird es große Unterschiede zwischen dem geben, was Menschen mit Technik machen und was Technik aus Menschen machen wird. Wenn wir dann irgendwann in einem Raum sitzen, sich alles nach unseren Bedürfnissen von alleine regt und bestückt, dann sind wir nicht besser als kleine Kinder. Unfähig unsere Welt zu begreifen und ohne Eltern, die sie uns erklären würden. Wie sollen wir Probleme lösen, wenn man uns nicht auffordert physikalischer Logik nachzugehen? Denn daraus besteht die Umwelt, in der wir uns bewegen. Wir schaffen uns unsere eigene, entfremdende Welt, die uns entmündet und eines Tages vielleicht im Stich lässt. Vielleicht male ich aber auch einen Teufel an die Wand, den es gar nicht gibt. So kann uns die Elektronik und die Computertechnik auch viel Gutes tun, aber sie kann eines nicht, sie kann uns unserer eigentlichen Handlungsfähigkeit bewusst werden lassen. Ich empfehle überdies den Besuch auf www.clockworker.de